Goethe Pop Serie

Ikone des Monats

Goethe Pop Serie
Foto: Jacob Franke

Kritik der ikonischen Vernunft

Kritik der ikonischen Vernunft Kritik der ikonischen Vernunft Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Es gibt unzählige ikonische Bücher. Und manchmal sind ihre Titel auch einfach eine dankbare Einladung, immer wieder produktiv aufgenommen und abgeändert zu werden. Kants Kritiken gehören hierzu, vor allem die ersten beiden Bände Kritik der reinen Vernunft (1781/87) und Kritik der praktischen Vernunft (1788). Auf welches der beiden Werke sich jeweils bezogen wird, wird aus den Titeladaptionen nicht eindeutig klar, denn es wird ja meistens genau dort ein neues Wort eingesetzt, wo das „reine“ bzw. „praktische“ auftaucht. Allerdings ist zu vermuten, dass sich die Titelepigonen lieber auf die Kritik der reinen Vernunft beziehen, denn wenn schon, möchte man sich doch lieber gleich mit der Transzendentalphilosophie anlegen.

Die Geste ist dabei häufig eine auftrumpfende: Kant hat in seiner systematischen Grundlegung der Philosophie schlicht etwas vergessen, das nachgetragen werden muss, weil es das eigentlich Entscheidende ist. Sei es das „dialektische“ (Sartre), das „gesellschaftliche“ (wobei Bourdieu sich auf die Kritik der Urteilskraft bezieht und der deutsche Titel hierbei eindeutiger ist als der französische), das „politische“ (Debray), das „zynische“ (Sloterdijk) oder „schwarze“ (Mbembe): Die Anspielung auf Kant signalisiert, dass es ums große Ganze geht. Und das auch, wenn Kant ein fehlendes Sensorium für die „kulinarische“ unterstellt wird. Von manchen Dingen konnte er jedoch schlicht nichts wissen, zum Beispiel von der „digitalen“, „vernetzten“, „journalistischen“ oder „sozialpädagogischen“ Vernunft. Oder davon, dass sich ein Mörder nach ihm benennt in dem Roman Kritik der mörderischen Vernunft. Wobei sich die Populärkultur zumindest in Deutschland anscheinend noch etwas schwer tut mit einem unkritischen Umgang mit den Kritiken, denn der englischsprachige Roman Critique of Criminal Reason erschien hier als Königsberger Dämonen, womit eine Anspielung auf die zweite Königsberger Berühmtheit näherliegt. Im Gegenzug adelte man Max Horkheimers Eclipse of Reason mit der Eindeutschung Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Bis unter diesem Titel eine Unterhaltungskomödie über eine*n Instrumentenbauer*in erscheinen darf, muss wohl noch etwas Zeit vergehen.

Jean Valjean

Jean Valjean Jean Valjean Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

In der französischen Diskussion über die Welt nach Corona hat eine altbekannte Figur ein Comeback erlebt: Jean Valjean, dessen Entwicklung vom Sträfling zum Wohltäter und schließlich zum Heiligen im Mittelpunkt von Victor Hugos Erfolgsroman Les Misérables (1862) steht. In den letzten Jahren waren der Roman und seine Figuren freilich keineswegs in Vergessenheit geraten. So hatte der Street-Art-Künstler Banksy, als er 2016 den Einsatz von Tränengas im Flüchtlingslager Calais hatte denunzieren wollen, eine weinende Cosette auf eine Londoner Fassade gesprüht. Das Lied des jungen Gavroche wurde im Zuge der Gelbwesten-Proteste seit 2018 vielfach aufgegriffen und adaptiert. Und für seine filmische Darstellung der Gewaltverhältnisse in der Pariser Vorstadt Clichy-Montfermeil wählte der Regisseur Ladj Ly den Titel Les Misérables (deutsch: Die Wütenden, 2019).

In diesen politischen Aktualisierungen von Hugos Roman spielte Valjean kaum eine Rolle. Der konvertierte Sträfling, der als reichgewordener Fabrikleiter Wohltaten unter die Elenden austeilt, war für die Zwecke der aktuellen sozialen Bewegungen wohl einfach zu religiös, zu bürgerlich, zu paternalistisch. Nun griff im Kontext der Corona-Pandemie der Schauspieler Vincent Lindon trotzdem auf ihn zurück. Angesichts der drohenden wirtschaftlichen und sozialen Krise forderte er, dass man eine Ausnahme-Steuer zur Unterstützung der sozial Benachteiligten einrichte – eben eine Jean-Valjean-Steuer. Der Aufruf wurde intensiv diskutiert und ein entsprechender Gesetzentwurf im Parlament vorgestellt. Sahen die einen in dem Vorschlag die Möglichkeit, Hugos sozial-republikanische Ideale zu verwirklichen, führten die anderen weitere Figuren wie Javert oder Gavroche ins Spiel, um ihn lächerlich zu machen. Der Literaturwissenschaftler Pierre Assouline aber warnte vor einer „Instrumentalisierung der Misérables“, die er schlichtweg als „Attentat auf die Literatur“ bezeichnete. Als Repräsentant des „universalen Volks der Leser“ rief er mit Jean Valjean zur Verteidigung aller literarischen Figuren auf, denen durch den gesellschaftlich-politischen Gebrauch die Entweihung drohe…  

You’ll Never Walk Alone

You'll never walk alone You'll never walk alone Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Manchmal werden Sachen ikonisch, die für eine kreative Aneignung vonseiten des Publikums völlig ungeeignet scheinen. Zum Beispiel irgendein Broadway-Musical-Song aus dem Jahr 1945, sehr kitschig und nicht gerade einfach zu singen. Deswegen singen ihn auch die Großen: Frank Sinatra, Mahalia Jackson, Nina Simone, Elvis Presley, Doris Day und viele viele andere. Der Song ist so bekannt, dass er häufig gesungen wird, wenn Zuversicht in schweren Zeiten verlangt ist. Allein: Das macht einen Song noch nicht so richtig ikonisch, sondern zuerst einmal sehr populär. Ikonisch wird der Song erst aus den Mündern eines Kollektivs namentlich nicht bekannter Sänger (und sicherlich auch einiger Sängerinnen): Den Fans des FC Liverpool, die diesen Song seit 1963 zu jedem Heimspiel an der Anfield Road singen. In diesem Jahr hat die Liverpooler Band Gerry & The Pacemakers mit ihrer Coverversion des Songs in England einen Charts-Hit. Und seitdem hat Fußball eine Hymne.

1989 übernimmt Liverpool den Titel als Schriftzug ins Vereinswappen, er schmückt er Fanartikel, Fußballromane, wird in vielen anderen Stadien gesungen und ist Gegenstand von Sachbüchern und Dokumentationen. Gewöhnliche Fangesänge stehen „You’ll Never Walk Alone“ in Sachen Pathos in nichts nach. Aber es ist exakt dieses Lied – eher zu langsam und melodisch zu anspruchsvoll für einen Stadiongesang – das mehrere tausend angetrunkene und heisergebrüllte Engländer ganz plötzlich in einen erhabenen Männerchor verwandelt. In diesem Moment geht es weder um eine konkrete Partie oder ein Team, in diesem Moment klingt Fußball.

Das Ikonische liegt in der Performanz. Genau deswegen zeigen Fernsehkameras vor Spielbeginn an der Anfield Road meistens Stadionbesucher*innen, die mit ihren Handys filmen, wie alle um sie herum „You’ll Never Walk Alone“ singen. Die jüngsten Versuche, in Zeiten corona-bedingter Isolation die leidenserprobte Schicksalsgemeinschaft der Fußballfans als Durchhaltevorbild zu etablieren, klappten am besten im Mutterland des Fußballs: Während es einigermaßen ungehört verklang, als am 20. März, morgens 8:45 Uhr, 180 europäische Radiostationen gleichzeitig den Song in der Version von Gerry & The Pacemakers abspielten, ist der Song in England gerade wieder in den Charts. Diesmal in einer Version des Schauspielers und Moderators Michael Ball zusammen mit dem inzwischen hundertjährigen Sir Thomas Moore, der über 37 Mio. Pfund zur Unterstützung des britischen National Health Service erlief. So klingt Fußball in Zeiten, in denen die Anfield Road leer bleiben muss.

Der Händedruck

Händedruck Händedruck Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Letzten Monat haben wir das ikonische Potenzial kultureller Praktiken unter die Lupe genommen. Diesen Monat möchten wir unsere Aufmerksamkeit gerne auf Gesten als ‚performative Ikonen‘ richten. Davon gibt es jede Menge: Das Victory-V oder die erhobene Faust der Black-Panther-Bewegung. Wer diese ikonischen Gesten ausführt, drückt Zugehörigkeits- der Solidaritätsgefühle in der selben Weise aus, wie es der Heavy-Metal-Fan mit einer „Teufelshand“ oder ein Trekki, der die Mr. Spock-Geste imitiert, tun. Gruppen und Bewegungen, ob sie politisch oder spirituell sind, verwenden Gesten als Marker: Das gilt sowohl für den erhobenen Arm, den Nationalsozialisten und ihre Anhänger verwendeten und bis heute verwenden, als auch für Christen, die ein Kreuz schlagen oder Yogis, die demütig ihren Kopf and die gefalteten Hände zum „Namaste“-Gruß beugen.

Durch die letzten Entwicklungen ist eine bislang unauffällige Geste ikonisch geworden: Das Händeschütteln. Natürlich gibt es Beispiele für ikonischen Händedruck wie den zwischen Trump und Kim Jong Un oder den zwischen Itzhak Rabin und Yassir Arafat aber auch zwischen Hitler und Hindenburg. In den ersten beiden Fällen steht der Händedruck für Frieden, für interkulturelle politische Verständigung, im letzten Fall dagegen für den Verrat an der Demokratie. Kürzlich verglich der ehemalige Vorsitzende der Liberalen Europaparlamentsfraktion, Guy Verhofstadt, via Twitter den Händedruck zwischen Hitler und Hindenburg mit dem zwischen dem AfD-Vorsitzenden Björn Höcke und dem FDP-Mann und Am-kürzesten-regierenden-Ministerpräsident-in-der-Geschichte-Thüringens, Thomas Kemmerich. Mit dem Vergleich desavouierte Verhofstadt den strategischen Zug der AfD während der Landestagswahl 2020 als im schlimmst-denkbaren Sinne als antidemokratisch.

Heutzutage, in Zeiten der durch das Corona-Virus ausgelösten Krise sehen wir uns einer neuen Situation gegenüber. In Zeiten von Social Distancing wird der Händedruck als Inbegriff der Ansteckungsgefahr ikonisch. Lang vorbei die Zeiten, als der richtige oder vielmehr der „perfekte“ Händedruck über Karrierechance entscheiden oder jemanden als Mitglied einer einflussreichen Geheimorganisation erkennbar machen konnte. Offizielle Institutionen und Medien schlagen den Ellenbogengruß als Alternative vor. Der Ellenbogengruß verdrängt nun auch die sogenannte „Ghetto-Faust“ und es ist nicht vorhersehbar, was aus dem Händeschüttel-Knigge im HipHop werden wird. Zum Ellenbogengruß alternative Händeschüttel-Rituale werden ebenfalls heiß diskutiert unter denen vor allem der „Namaste“-Gruß am besten der royalen Dignität zu entsprechen scheint. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die bestechende Parallele zwischen dem Corona-Virus und dem Hitler-Hindenburg- und dem epigonalen Höcke-Kemmerich-Händedruck aufmerksam wird: Dummheit ist extremst ansteckend…

Fasten

Fasten Fasten Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Manche kulturelle Ikonen haben weder ein verbindliches Erscheinungsbild noch eine festgelegte Ton- oder Wortfolge. Denn manchmal können auch kulturelle Praktiken ikonisch werden. Eine solche Ikone lässt sich gerade rund um den März, im neunten Monat des islamischen Kalenders oder wahlweise das ganze Jahr über beobachten: das Fasten. Die liberale Terminierung verweist schon darauf, dass sich diese genuin religiöse Praxis ein Stück weit aus ihrem Kontext gelöst hat. Zwar gehören zum Bildreservoir des Fastens vornehmlich religionsfreie Gegenstände wie Obst (hauptsächlich Äpfel), leere Teller oder ausgesprochen hellgelber Tee, doch schwingt im Fasten stets eine spirituelle Dimension mit. Wer fastet, reinigt Körper und Geist. Und sie oder er beweist damit, dass man bewusst und diszipliniert mit sich umgehen kann. Damit lassen sich gleich zwei Kardinaltugenden unserer heutigen durchoptimiert nachhaltigen Lebensweise kombinieren. Mit dieser Praxis säkularisierter Spiritualität zeigt man sich (ebenfalls sehr aktuell) zugleich traditionsbewusst und modern.

Wer das albern findet, kann sich – wie über jede Ikone – lustig machen. Doch auch dies bestätigt ja nur – wie bei jeder Ikone – deren Gültigkeit. Das Bistum Aachen hat das populäre Potenzial nachkarnevalesker Enthaltsamkeit erkannt und bietet Auto- oder Plastikfasten an. Für wen das nichts ist, gibt es CO2-Fasten, Digitalfasten, Fastenurlaub oder eben einfach mal nichts essen. Sollte man aktuell noch unentschieden sein, kann man sich erst einmal darüber informieren, mit welcher Fastenpraxis man am meisten Geld spart. Fasten ist eben nicht nur ikonisch, sondern auch vollständig in der kommerzialisierten Populärkultur angekommen.

Ohne Ikonen wäre das Leben ein Irrtum

Ohne Musik Ohne Musik Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Wer der Meinung ist, dass das Anbringen von Zitaten auf Postkarten, Servietten, Jutebeuteln oder auf der digitalen Pinnwand nichts als ein neumodisches Phänomen sei, der lese folgenden Auszug aus der Illustrierten Kronen-Zeitung, Jahrgang 1905: „‚Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum‘. Ich beuge mich ja vor der Größe Friedrich Nietzsche’s, aber daß er diesen Satz niedergeschrieben hat, kann ich dem großen Philosophen nicht verzeihen. Beim besten Willen nicht. Das war gewiß nicht menschenfreundlich von ihm. Denn das Wort ist hinausgeflogen in die große weite Welt, und heute prangt es unter Glas und Rahmen im Palaste des Reichen und in der Hütte des Armen. So eine Art Glaubensbekenntnis. Oder besser: Ein Freibrief für jegliche musikalische Missetat.“ Damit wäre erstens erwiesen, dass es Wand-Tattoos schon um die Jahrhundertwende gab. Und zweitens, dass Nietzsche nicht nur ein scharfsinniger Beobachter der menschlichen Natur war, sondern auch ein ziemlich guter copywriter. Denn mit der Formel „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ hat er einen multifunktionalen Spruch geprägt, mit dem die unbedingte Hingabe zu ziemlich Allem ausgedrückt werden kann.

Zu der nach wie vor in allen möglichen Sprachen und in allen möglichen Formen zirkulierenden verbalen Ikone gibt es nicht eine, sondern zwei Quellen. Die erste ist die 1888, im Kontext der Kontroverse mit Richard Wagner entstandene Götzen-Dämmerung. Dort heißt es „33. Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. – Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ So eingeengt zwischen Dudelsack und der grotesken Vorstellung eines selbstsicheren, singenden Gott-Deutschen, klingt der Spruch keinesfalls wie ein „Glaubensbekenntnis“, sondern bestenfalls wie eine Plattitüde. In dem Moment, in dem Nietzsche die perfekte Formel für alle Musikbegeisterten dieses Planeten erfindet, kennzeichnet er sie als leere, kitschige Floskel. So gesehen könnte sich der Philosoph angesichts der affirmativen Verwendungen seines Zitats wohl die Hände reiben.

Doch die zweite Quelle zeigt, dass er davon selbst allen Ernstes Gebrauch machen konnte. In einem im selben Zeitraum entstandenen Brief an den Komponisten Peter Gast berichtet er von berauschenden Erfahrungen beim Hören von Bizets Carmen und schreibt, sich selbst zitierend: Musik gibt mir jetzt Sensationen, wie eigentlich noch niemals. Sie macht mich von mir los, sie ernüchtert mich von mir, wie als ob ich mich ganz von ferne her überblickte, überfühlte […]. Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrtum, eine Strapaze, ein Exil.“ Wie kann man diese gegensätzlichen Gebrauchsweisen derselben Formel deuten? Vielleicht so: Die leidenschaftliche Hingebung, sei es zur (Rock-)Musik, zu hopfenhaltigen Getränken oder auch zu niedlichen schnurrbärtigen Lebewesen steht immer irgendwie auf der Kippe zwischen bewundernswertem Engagement und irrationaler Schwärmerei. Am besten hatte das wohl Loriot verstanden, der mit dem Gedicht SINNLOS („Ein Leben ohne Mops/ Ist möglich, aber sinnlos“) die verbale Ikone für selbstsicheres Banausentum prägte.

Leitmotiv

Leitmotiv Leitmotiv Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Wer war zuerst da: das Leitmotiv oder Richard Wagner? Über diese Frage sind sich die Musikwissenschaftler bis heute nicht ganz einig. Sicher ist, dass der Begriff Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, um ein typisch Wagnersches Kompositionsverfahren zu bezeichnen: das mehr oder weniger lose Verbinden von musikalischen Gestalten mit bestimmten Figuren, Gegenständen, Ideen oder auch emotionalen Zuständen. Popularisiert wurde er dann durch Opernführer, in denen besagte Motive aufgeführt und mit Namen versehen wurden. Fortan konnten Rheingold-Fans bestens vorbereitet nach Bayreuth pilgern und während der Vorführung alle Subtilitäten der musikalisch-dramatisch Entwicklung erfassen. Wagner zu dieser Entschlüsselungs-Praxis: „am Ende glauben die Leute, daß solcher Unsinn auf meine Anregung geschieht!“

Ikonisch ist das Konzept des Leitmotivs, weil es bald weit über die Grenzen Oberfrankens und außerhalb der Wagner-Gemeinde Anwendung fand. Angeregt durch Thomas Mann – selbst ein ausgewiesener Wagner-Kenner –, hat die Literaturwissenschaft daraus ein Instrument zur literarischen Analyse entwickelt. Als leitmotivisch gelten aber längst auch Wahlsprüche, Leitgedanken, wiederkehrende Themen oder hartnäckige Tendenzen in Politik, Wirtschaft, Sport, Kunst, Kultur u.v.a. Auch dient das Konzept des Leitmotivs oftmals zur Selbst- oder Fremdexegese, etwa wenn die „Wetten dass…“-Moderatorin Michelle Hunziker erklärt: „Liebe ist mein Leitmotiv im Leben.“ Mit Musikdrama hat dieser vornehmlich journalistische Gebrauch freilich wenig zu tun.

Dass Wagner – oder zumindest die Vorstellung von hoher Kunst – die Bedeutung des Begriffs immer noch prägt, legt sein Erfolg in anderen Sprachen nahe. Im Englischen, Spanischen, Französischen, Portugiesischen oder auch Russischen ist ‚leitmotiv‘ bzw. ‚leitmotif‘ als Fremdwort ebenfalls in die Alltagssprache eingegangen. Dabei gäbe es für das Gemeinte durchaus andere idiomatische Wendungen. Wenn der französische RnB-Sänger M. Pokora behauptet: „Ne jamais décevoir, c’est mon leitmotiv“ („Niemals enttäuschen, das ist mein Leitmotiv“), könnte es genauso gut heißen:  „Ne jamais décevoir, c’est ma devise.“ Aber die Wagnersche Formulierung verleiht der Selbstpräsentation – ob bewusst oder unbewusst – eben doch eine gewisse Würde. Die eines Künstlers, der nicht mehr nur als Entertainer auftreten will, sondern neuerdings ein eigenes Kunstverständnis vertritt.

Gretchenfrage

Gretchenfrage Gretchenfrage Grafik: Maura Petersen/Jacob Franke

Weihnachten oder Chanukka? Gans, Karpfen oder vegan? Die Weihnachtszeit fordert Grundsatzfragen heraus. Für diese Art der Gesinnungsabfrage hat sich der Ausdruck "Gretchenfrage" etabliert. Es handelt sich um ein im Sinne Emily Apters klassisches Beispiel des "Unübersetzbaren". Vor allem aber ist es eine Wendung, die zwar bei Goethe nie fällt, dafür umso häufiger in der Alltags- und Werbesprache aufzufinden ist. Als Motto des Evangelischen Kirchentags in Weimar kann die Frage "Wie hältst Du es mit der Religion?" als Einladung zum interreligiösen Dialog verstanden werden. Das meinte Margarethe zwar nicht, als sie besorgt diese Worte an Heinrich Faust, Doktor vieler Wissenschaften, richtete. Diesen brachte sie damit gehörig in Bedrängnis, denn der Midlifecrisis Geplagte paktierte gerade mit dem Teufel und dachte weniger an transzendentale Erlösung als an jene irdischen Freuden, die das arme Mädchen das Leben kosten sollten.

Die Art, jemanden durch eine Frage mit dem Rücken an die Wand zu stellen, ihm eine Grundsatzentscheidung abzufordern, hat sich in der Wendung "Gretchenfrage" verdichtet. Ein später Triumph der verführten Jungfrau, denn die ausweichende Antwort des Gefragten hat sich nicht als "Faust-Replik" oder "den Faust machen" durchgesetzt. Dafür wird nun der ebenfalls blondbezopften Greta Thunberg das Diminutivkompositum hinterhergerufen, was insofern passend ist, als "nun sagt, wie haltet ihr es mit dem Klimaschutz?" tatsächlich eine Gretchenfrage par excellence ist. Wem das alles zu bekenntnisorientiert ist, der mag sich die Grätchenfrage stellen .

Literature Sells

Literature Sells Literature Sells Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Damit sich eine Marke erfolgreich etabliert, sollte ihr Name im Verhältnis zu dem Produkt stehen, das auf den Markt gebracht wird – so zumindest steht es in allen Marketing-Ratgebern. Im Idealfall evoziert der brand name pointiert Herkunft und Aspiration des Unternehmens, noch besser ist es, wenn er sich vom Aussehen oder der Funktion der Ware ableiten lässt. Als Vorbilder gelten etwa Twitter, Reebok und Lego. Nun gibt es aber nicht wenige Beispiele von Unternehmen, die sich nach einem Schriftsteller oder einer literarischen Figur nennen: Man kann Leibniz-Kekse essen, Pushkin-Vodka oder Balzac-Kaffee trinken, sich mit Valmont-Duft parfümieren, eine Victor-Hugo-Handtasche oder Antigone’s-Kleidung tragen. Und obwohl die Motivation hinter der Namensgebung nur selten auf den ersten und auch nicht unbedingt auf den zweiten Blick ersichtlich ist, haben sie durchaus Erfolg: Zwar hat sich Starbucks-Kaffee – anders als etwa die Mozartkugel – noch nicht zum generischen Eigennamen entwickelt. Doch dürfte das Lexem „Starbuck“ heute die Wenigsten an eine Figur aus Hermann Melvilles Moby Dick erinnern, dafür viele an ein dunkelgrünes Sirenen-Logo.

Wenn sie – wie etwa im letzteren Fall – als Hommage der Unternehmensgründer an einen Schriftsteller oder an ein Werk präsentiert wird, kann die Wahl einer Autor- oder Romanfigur als Markennamen Teil des Storytellings werden: Hinter dem Produkt steht ein Mensch mit seinen ganz eigenen Vorlieben und Passionen. Die Namensgebung kann aber noch andere Gründe haben. In manchen Fällen geht es vermutlich lediglich darum, mit einem bekannten Namen einen fremdkulturellen touch zu evozieren: Nur so kann man erklären, dass die Initialen des nicht gerade glamourösen Victor Hugo in den USA auf schicken Konfektionshandtaschen geprägt sind oder die kriegerische Antigone in Japan ihr Comeback in kitschigen Rüschenkleidern erlebt. Naheliegender erscheint der Rückgriff auf literarische Figuren in der Parfumindustrie: Sie rufen dann bestimmte Charaktertypen auf, etwa die Verführer Bel Ami (Hermès) und Coriolan (Guerlain) oder die leidenschaftliche Kindsfrau Lolita (Lolita Lempicka).

Der spielerisch-selbstbewusste Umgang mit literarischen Namen kann schließlich Auskunft über das Selbstverständnis eines Unternehmens geben: Die Handtaschen der französischen Firma Victor&Hugo lassen den grand homme wenn nicht glamouröser, so doch wenigstens witziger erscheinen. Und wenn auch noch Minister auf solche komischen Abwendungen reinfallen und den Namen der Konfektionskette Zadig & Voltaire öffentlich zu ihrem Lieblingsbuch erklären, dann kann nur noch von gelungenem Marketing die Rede sein.

"Oktoberfest"

"Oktoberfest" "Oktoberfest" Foto: Jacob Franke

Jährlich wiederkehrende Feste tragen häufig zur Ikonisierung der Ereignisse bei, zu deren Anlass sie gefeiert werden. Das leuchtet bei Weihnachten oder dem Christopher Street Day bzw. Gay Pride Parades völlig ein, passt aber so gar nicht zum Oktoberfest. Dieses fand ursprünglich zu Ehren der Hochzeit von Kronprinz Ludwig (dem späteren bayerischen König Ludwig I.) und Therese von Sachsen-Hildburghausen 1810 statt. Die Prinzessin durfte dem Veranstaltungsort zwar noch seinen Namen verleihen, doch zur Ikonisierung konnte sie nicht weiter beitragen.

Das Oktoberfest ist heute schlicht seine eigene Ikone. Es steht für DAS deutsche Volksfest, wenn nicht sogar für Volksfest überhaupt. Selbstverständlich dürfen Besucher*innen des Cannstatter Wasen oder des Bremer Freimarkts das anders sehen. Aber sie müssen wohl oder übel einsehen, dass man zwar auch in Tokio, Brisbane oder Blumenau (Brasilien) gerne deutsche Volksfeste feiert, diese dann aber auf jeden Fall „Oktoberfest“ heißen.

Die Wiedererkennbarkeit ist leicht zu gewährleisten: Bier braucht es, viel Bier, am besten in großen Krügen. Dazu können dann wahlweise Würste, Brezn oder Kraut kommen, weiß-blau Rauten, Blasmusik oder vermeintlich urwüchsige Trachtenmode, fertig ist das unverwechselbare Wiesn-Flair. Viele zieht es dennoch zum Original. 2014 waren von den 6,3 Millionen Besucher*innen 14% aus dem Ausland. Deren Anreise wird in der Klimabilanz des Oktoberfestes nicht berücksichtigt. Und weil sich der CO2-Ausstoß dieses Jahr auf etwa 10.000 Tonnen belaufen wird und man auf keinen Fall zur neuen Ikone für das rücksichtslose Anheizen des Klimas werden will, gibt es auch auf der Wiesn zunehmend Bestrebungen nachhaltig zu feiern, unter anderem mit einem CO2-neutralen Bier. Na dann Prosit.

"Es war einmal..."

"Es war einmal..." "Es war einmal..." Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Die berühmte Eröffnungsformel von Märchen weckt die Erwartung einer Geschichte mit einfachem Plot, einer klar definierten Struktur von Gut und Böse, wundersamen Objekten, Tieren oder eben Figuren sowie einem für gewöhnlich männlichen Helden, der alle Schwierigkeiten meistert und am Ende die Prinzessin heiratet. Nicht zuletzt weckt sie ein Gefühl der Nostalgie.

Bekannt gemacht wurde sie von den Gebrüdern Grimm in ihrer Sammlung der Kinder- und Hausmärchen. Vor den Grimms und ihrer Idealform der Kindermärchen, richtete sich das Genre eher an Erwachsene und diente der Demonstration philosophischer Ideen, der erotischen Unterhaltung und der Kritik an König, Hof oder Kirche.

Unsere heutige Vorstellung von Märchen ist durch die „Volksmärchen“ der Grimms geprägt, auch wenn es bekannt ist, dass ihre Sammlung keine mündlich überlieferten Texte, sondern vor allem Neufassungen von in erster Linie französischen und italienischen Stoffen enthält. Seither hat sich die Essenz des Märchens in der Eröffnungsformel „Es war einmal…“ verdichtet.

Die Formel ist heute so ikonisch für das Genre, dass sie auch auf jene kritischen Erwachsenenmärchen zurückwirkt. So wird sie beispielsweise genutzt, um Metadiskurse zu eröffnen, misogyne und sexuelle Schemata aufzudecken oder die Logik der stereotypischen Struktur im Märchen zu hinterfragen. Darüber hinaus impliziert sie, dass sich die ihr nachfolgende Geschichte jenseits historischer Realität abspielt. Eine andere subversive Strategie spielt mit dieser Erwartung, indem sie der Formel eine kritische oder ideologisch überspitzte Geschichte folgen lässt.

Diese Konnotationen laden Künstler und Werbeleute dazu ein, die Ikone beispielweise als Albumtitel zu verwenden oder in verschiedensten Varianten auf T-Shirts zu drucken. Diverse Filme enthalten sie im Titel. Demnach war es also einmal in Amerika, in Anatolien, in Brooklyn, in China, in China und Amerika, in Hollywood, in Mexiko, in Venedig, im Westen und im Wunderland. Im Titel mag die Märcheneröffnung auf einen fantastischen, märchenhaften Plot hinweisen, wie in dieser Fernsehserie oder genau diese Erwartung unterlaufen, indem eine besonders brutale und grausame Geschichte erzählt wird, wie in den Filmen von Robert Rodriguez, Quentin Tarantino oder Sergio Leone.

Die Formel bleibt auch in Abwandlungen wie Once Upon a Mattress, einem Musical, das vom Märchen Prinzessin auf der Erbse inspiriert ist, oder Once Upon a Dog, einem sowjetischen Cartoon, erkennbar. Ein findiger Marketingexperte adaptierte diesen Titel für eine Live-Tour des US-Amerikanischen Fernsehhundeflüsterers Cesar Milan. Aufgrund des herausragenden Erfolgs seiner Show lässt sich „Once Upon a Dog“ weltweit von Postern und T-Shirts ablesen.

Die intermediale Präsenz der Formel führt uns zur Frage nach ihrem Zweck. Warum wird die Ikone eingesetzt, um nicht nur Märchen, sondern auch Filme oder Musik zu betiteln? Warum tragen Menschen T-Shirts mit der jener Zeile? Die Antwort: Weil sie wissen, dass wo ein Anfang ist, es auch ein Ende gibt.

Und sie alle lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

"Stauffenberg"

Stauffenberg Stauffenberg Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Die Aneignungskämpfe um kulturelle Ikonen zeigen sich häufig in Reinform an solchen Ikonen, die (geschichts-)politisch vorgeschrieben sind. Das ließ sich dieses Jahr in Deutschland am 20. Juli erleben. Claus Schenk Graf von Stauffenberg heißt die Ikone des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Sie ist es noch, muss man wohl sagen. Die Bundesrepublik bemühte sich sehr um seine Popularisierung. In jeder größeren Stadt wurde eine Straße oder ein Platz nach ihm benannt und die Geschichte der Bundeswehr ist ohne das Gedenken an den Widerstand vom 20. Juli 1944 nicht vorstellbar. Dieses findet im wiedervereinigten Deutschland im Berliner Sitz des Bundesministeriums für Verteidigung in der Stauffenbergstraße statt, im Bendlerblock, in dem Stauffenberg und weitere beteiligte Offiziere noch in der Nacht des 20. Juli erschossen wurden. Der Ort des Attentats, das Führerhauptquartier Wolfsschanze, wurde bisher nicht für Gedenkveranstaltungen genutzt. Bis vor kurzem war das polnische Wilczy Szaniec ein Militaria-Disneyland, in dem Touristen mit Stahlhelmen in Wehrmachtsfahrzeugen durch eine skurrile Landschaft bretterten und Paintball spielten. Nun ist der neue Betreiber bemüht, den Ort geschichtspolitisch zurückzugewinnen: mit Hilfe einer Rekonstruktion des Attentats vom 20. Juli und einer Ausstellung zum Warschauer Aufstand, der knapp 300 km entfernt stattfand. Der Name ‚Stauffenberg‘ spielt bei diesem Vorhaben keine gesonderte Rolle.

Anders in Deutschland: Dort verlagerte sich das populäre Wissen um den Widerstand am 20. Juli immer mehr auf seinen Namen. Das verdeutlicht ein Blick auf die Filmgeschichte. Hießen zwei deutsche Spielfilme von 1955, die wohl nicht zufällig in dem Jahr entstanden, in dem sich die Bundeswehr gründete, noch „Der 20. Juli“ und „Es geschah am 20. Juli“ rückt ab 1990 der Name Stauffenbergs in den Vordergrund. Die Filmgeschichte zeigt auch, dass es sich hier um eine deutsche Ikone handelt. Der Versuch mit der US-Produktion „Valkyrie“ diese Geschichte in den USA bekannt zu machen, interessierte das dortige Publikum nur wenig. Das lag wahrscheinlich nicht nur an Tom Cruise, sondern eher daran, dass Helden in Wehrmachtsuniform etwas zu ungewöhnlich waren. In Deutschland hingegen war der Film einigermaßen erfolgreich. Das lag wahrscheinlich ebenfalls nicht nur an Tom Cruise, denn die Besonderheit der Ikone Stauffenberg liegt eigentümlicherweise gerade darin, dass lediglich der Name, nicht jedoch sein Aussehen weitgehend bekannt ist. Denn sein Foto erinnert etwas zu deutlich daran, dass diese Ikone Oberst der Wehrmacht war. Womit man bei den heutigen Debatten wäre.

Am 20. Juli brachte Liane Bednarz im Deutschlandfunk Kultur das Problem auf den Punkt: Stauffenberg sei für die Ereignisse des 20. Juli schon zentral, weswegen ein Gedenken an ihn gerechtfertigt sei. Jedoch finde gerade eine Aneignung vonseiten der Neuen Rechten statt. In moderaten Kreisen werde aus der Ikone des deutschen Widerstands eine Ikone des konservativen Helden und Patrioten, in radikalen Kreisen bleibt er die Ikone des Widerstands, allerdings des Widerstands gegen ein Unrechtsregime, das rechtsradikale Knallköpfe nun gerade nicht im Nationalsozialismus, sondern in der heutigen Bundesrepublik erblicken. In der letztgenannten Umdeutung wird die Ikone Stauffenberg wohl auf den Kreis politisch ungebildeter Verschwörungstheoretiker begrenzt bleiben. Und es könnte sein, dass deren maximale Provokation gegen die populäre Lesart der Ikone bald gar nicht mehr so gut funktioniert. Denn ebenfalls bei Deutschlandfunk Kultur sprach sich Hans Coppi junior, Sohn der 1942 und 1943 hingerichteten Angehörigen der Roten Kapelle Hilde und Hans Coppi, dafür aus, das Gedenken an den deutschen Widerstand gegen Hitler zu öffnen für den vielfältigen Widerstand während des Nationalsozialismus. Ähnlich argumentierte Joachim Käppner an diesem Tag in der Süddeutschen Zeitung.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg scheint als Ikone des deutschen Widerstands zunehmend seinen Alleinvertretungsanspruch zu verlieren. Vielleicht zeigt sich dann, dass zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus so viele unterschiedliche Akteur*innen gehören, dass sich die Ikonisierung einer Einzelperson gar nicht anbietet.

"Der Stoff aus dem die Träume sind"

Der Stoff aus dem die Träume sind Der Stoff aus dem die Träume sind Foto: Jacob Franke

Zu Beginn seiner Karriere als Ikone hat der Traum die stoffliche Form eines Vogels. Sie beginnt mit dem Schlussakt des 1941 erschienenen Proto-Noir The Maltese Falcon (John Huston, WB, USA). Die Femme fatale wurde von Privatdetektiv Sam Spade (Humphrey Bogart) soeben der Polizei übergeben. Während sie abgeführt wird, hält einer der Beamten die titelgebende Vogelstatuette in den Händen, der die Figuren den Film über nachgejagt haben. „It’s heavy. What is that?“, fragt er Spade. „The stuff … uh“ antwortet dieser und wirft der Überführten einen letzten Blick nach, „…that dreams are made of.“ Die Formulierung geht auf Shakespeares The Tempest zurück. Darin lässt der Magier Prospero die Geister wieder verschwinden, die er zuvor ein Schauspiel aufführen ließ. Er beschreibt, wie sich mit dem Verschwinden der schauspielenden Geister auch ihre gesamte Welt auflöst, und schließt seine Rede schließlich mit Fazit: „We are such stuff as dreams are made on, and our little life Is rounded with a sleep“ („Wir sind solcher Stoff, auf dem Träume entstehen, und unser kleines Leben wird mit einem Schlaf abgerundet“).

Bogart und sein Schlusssatz sind heute ikonisch für das US-Kino und die „Traumfabrik“ Hollywood. In Deutschland findet das Sprachbild erst 1971 die heute geläufige Form mit Johannes Simmels Buch über die Boulevardpresse, das ein Jahr später auch als Film in den Kinos zu sehen ist und „Der Stoff aus dem die Träume sind“ heißt (Vohrer, Roxy, BRD). Der Ikonenstatus der Formulierung belegt sich spätestens mit dem Nachruf, den Der Spiegel 2009 zum Tode Simmels veröffentlicht. Auch Stephen Hawkings Buch über Quantenphysik von 2011, das den Titel „The Dreams That Stuff Is Made of“ trägt, lässt sich trotz Inversion unschwer als Adaption der Ikone erkennen, mit der Hawking den Status von Theorie paraphrasiert.

Im Deutschen wie im Englischen zirkuliert die Formulierung heute in verschiedenen Kontexten, Verwendungen und Abwandlungen, meist als Ausdruck einer idealen Qualität oder zur Markierung konstitutiver Wesentlichkeit für eine Sache. Er wird genutzt zur Beschreibung der Verwertungseigenschaften von Holz oder Kunststoffen, der Bestandteile von Planeten oder ganz wörtlich auf Textilien bezogen, wie in diesem Design-Projekt der Bauhaus-Universität Weimar. In den USA hat die Sängerin Carly Simon 1987 ihren zwölften Top-10 Hit mit einer Ballade, die das Kleine des Eigenen gegen das scheinbar Traumhafte der Anderen als solchen Stoff zu erkennen aufruft. Aber auch jenseits der 80er ist die Ikone genreübergreifend sowohl in englischen wie deutschen Songtiteln und Albumnamen zu finden. Oft bewährt sich das Ikonische dabei eher spielerisch formal als inhaltlich. Die ursprüngliche Bedeutung wird in den Reproduktionen der Oberfläche(n) dabei mitunter paradox verkürzt. Denn wie Prosperos Geister und ihre Welt, wie die Vorstellung einer möglichen Liebesbeziehung des Detektivs und wie die erzählte Welt im Ganzen, hat der Traum ein Ende, an dem sich seine Irrealität offenbart. Das gilt auch für den mit der Ikone beschriebenen Malteser Falken, der sich kurz vor Bogarts Schlusssatz als Fälschung entpuppt hat. Popmusik und Baugewerbe lassen sich davon nicht beirren. Die populäre Kultur lässt sich weder von Shakespeare noch von Bogart vorschreiben, von welchen Stoffen sie träumen möchte.

"Ein weites Feld"

Ein weites Feld Ein weites Feld Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Kulturelle Ikonen sind populär. Das muss aber nicht heißen, dass sie auch immer ein Teil der Populärkultur sind. Sie können auch ausschließlich in Bereichen verbreitet sein, die man „bildungsbürgerlich“ oder „hochkulturell“ nennen könnte.

So zum Beispiel die Rede davon, dass etwas „ein (zu) weites Feld“ sei. Diese Formulierung charakterisiert den Gutsherren Briest, Vater von Effi Briest im gleichnamigen Roman von Theodor Fontane. Briest pflegt damit Diskussionen zu beenden, die ihm zu unübersichtlich werden. Auch der Adel verfügt am Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr über die ererbten Gewissheiten, mit denen man den modernen Zeiten trotzen könnte. Aber er verfügt noch über die aristokratische Gelassenheit, zu aktuellen Fragen nicht immer eine Antwort haben zu müssen. In der Folge wird Briests Formulierung elegant-charmanter Ratlosigkeit zum geflügelten Wort, wenn auch heutige Sprecher weniger die Souveränität des Aristokraten für sich beanspruchen können als vielmehr die Souveränität des traditionell Gebildeten, der zwar auch keine Antwort parat hat, dafür aber immerhin ein bildungsbürgerliches Bonmot.

Als Kommentar zur Zeitenwende wurde der Spruch von Günter Grass genutzt, der seinen Wenderoman von 1995 „Ein weites Feld“ nannte. Bedient sich der Titel bei der Ikone, ist in diesem Zusammenhang wohl eher ein anderer Titel ikonisch geworden: Der bildgewordene Verriss des Romans von Marcel Reich-Ranicki auf dem Titelblatt des „Spiegel“. Dieser Streit konnte dem ikonischen Fontanewort freilich nichts anhaben, bis heute kann man mit ihm Literaturkurse für Erwachsene bewerben. Oder die auf die deutsche (Unheils-)Geschichte bezogene Bedeutung seit Grass‘ Roman wird mit der wörtlichen verbunden und so zum Titel für eine Ausstellung zur Geschichte des Tempelhofer Feldes gemacht.

Wie die Rede vom „weiten Feld“ im Fontanejahr noch verwendet wird, bleibt abzuwarten. Fontane zumindest wird aktuell so allgegenwärtig verhandelt, dass wir vielleicht gerade die Geburtsstunde der Ikone der ‚Deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts‘ erleben. Vorauseilend kann man sie bereits als Figur von Playmobil kaufen. Das Unternehmen macht sich ja schon seit einiger Zeit um die Verbreitung der deutschen Literatur verdient. Aber das ist ja nun wirklich ein weiteres Feld.

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland"

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Paul Celans Todesfuge gilt als das bedeutendste deutschsprachige Gedicht der Nachkriegszeit, das wie kein anderes das Grauen angesichts der europäischen Holocausterfahrung zum Ausdruck bringt. 1947 verfasst, spielte der Titel, der ursprünglich „Todestango“ lautete, auf Berichte aus den Konzentrationslagern an, in denen Aufseher jüdische Insassen Tangomusik hatten spielen lassen, während in den Gaskammern Menschenleben ausgelöscht wurden.

Bis heute lernen Schüler an der Eingangszeile „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends“, wie die rhetorische Figur Oxymoron eingesetzt werden kann. Währenddessen hat die in der letzten Strophe drei Mal wiederholte Wendung „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ ein kulturelles Eigenleben entwickelt. Im Titel des von einer Buchpublikation gefolgten Dokumentarfilms über den Mord an europäischen Juden von Lea Rosh und Eberhard Jäckel aus dem Jahr 1990 verdichtete die Formel ikonisch die nationale Schuldfrage. Die Zeile dient überdies dazu, auch vor gegenwärtigem Faschismus made in Germany zu warnen, wie die Wandmalerei des Aachener Street Artists Klaus Paier zeigt. Sie lässt sich auch in neuen Kontexten reaktivieren: Nach den Anschlägen auf Unterkünfte für Asylsuchende veröffentlichte beispielsweise die Kultpunkband Slime 1993 eine Single mit dem Titel.

Obwohl das Gedicht auf eine konkrete Situation zu beziehen ist, kann die Zeile überall dort eingesetzt werden, wo deutsche Schuld an Krieg und Verbrechen unter staatlicher Duldung angenommen werden. Dies kann sich auf die deutschen Waffenexporte beziehen genauso wie auf die jahrelang ungehinderte Aktivität der Terrorgruppe NSU oder die Flüchtlingspolitik. Wer sich der Antifa-Szene zugehörig fühlt, kann dies mit einem Aufnäher oder einem T-Shirt mit der Celan-Zeile kundtun.

"Kafkaesk"

Kafkaesk Kafkaesk Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Über Ikonen lässt sich streiten. Das gilt ganz grundsätzlich, wenn es zu Aneignungskämpfen zwischen verschiedenen Gruppen kommt, die eine Ikone als Erkennungszeichen für ihr Selbstverständnis nutzen wollen (siehe die Ikone des Monats März). Das trifft allerdings auch auf kleine Forschungsgruppen zum Thema ‚Kulturelle Ikonen‘ zu: Dass das Wort ‚kafkaesk‘ eine Ikone ist, war uns allen klar. Beeindruckend unklar wurde es, sobald wir uns fragten, wofür diese so eigenwillige wie sofort wiedererkennbare Adjektivbildung eigentlich genau steht. Bezeichnet ‚kafkaesk‘ allgemein Situationen, in denen man sich unbestimmt bedroht oder machtlos fühlt? Oder muss die Rückbindung an Kafkas Texte und dem dort Geschilderten deutlicher sein, zum Beispiel wenn ein juristischer Schauprozess ‚kafkaesk‘ genannt wird? Oder geht es gar nicht immer um den Inhalt, sondern um die spezifische literarische Form, schließlich bekommen auch Texte ganz anderer Autorinnen und Autoren das Prädikat ‚kafkaesk‘. Und das stets als positives Qualitätsmerkmal. Dann steht ‚kafkaesk‘ emphatisch für ‚moderne und irritierende Kunst‘.

Wie das alles zusammengeht, zeigt ganz ausgezeichnet eine Modekolumne zu Designer-Sneakers aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung: Da diese auf einem Foto zusammen mit ein paar gelben Bällen inszeniert waren, fühlt sich der Kolumnist an Kafkas Erzählung „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“ erinnert. Und er weiß: „Das Einzige, zu dem das Adjektiv wirklich passt, ist Kafkas Werk. Bei diesem Foto könnte man allerdings noch mal eine Ausnahme machen.“ Damit ist wohl alles gesagt. Denn die Aufwertung eines modischen Schuhs mithilfe eines zur Ikone verdichteten Werks funktioniert ja genau deswegen so gut, weil mit diesem bereits nahezu alles aufgewertet wurde. Andere Schriftstellernamen eignen sich rein literaturgeschichtlich betrachtet genauso wenig wie der Kafkas, um mit ihnen Sneaker zu bewerben. Doch während ein ‚joyceesker‘ oder ‚proustesker‘ Edelturnschuh schlicht Unfug wären, verweist ein kafkaesker immerhin sowohl auf die literaturgeschichtliche Sonderstellung Kafkas als auch auf die Geschichte seiner populären Indienstnahme und Verbreitung.

Was bezeichnet also ‚kafkaesk‘? Das kommt offenbar auf den Einzelfall an. Streng genommen sollte sich das Wort ja auf das Werk Kafkas beziehen. Gut, dass die Alltagskultur dabei immer mal wieder eine Ausnahme macht.

"Hier stehe ich, ich kann nicht anders."

Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

18. April 1521, Reichstag zu Worms: Martin Luther wird von Karl V. dazu aufgefordert, seine Lehre zu widerrufen. Der Wittenberger Mönch lehnt dies ab. Seine Rede endet mit den Worten: „…deshalb ich nichts mag, noch will widerrufen, weil wider das Gewissen zu handeln beschwerlich, unheilsam und gefährlich ist. Gott helfe mir, Amen.“ So zumindest steht es in den frühen Fassungen. Doch schon in den ersten in Wittenberg gedruckten Berichten erscheint der Zusatz: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Später wird dieser Schlusssatz auch in die Schriften Luthers aufgenommen. Die Formel wird Teil der „Marke Luther“. Sie steht stellvertretend für seine Persönlichkeit und die Botschaft der Reformation. Dem Beispiel von Rolland Baintons Here I stand. A life of Martin Luther (1950) folgend, steht das Zitat mehreren Dutzend Biographien als Motto voran, aber auch Kinderbüchern, Ausstellungen, Musicals oder Gesellschaftsspielen zum Leben des Reformators.

Die Formel wird auch regelmäßig im politischen Diskurs verwendet. Aufsehen erregte ein Wahlplakat der NPD, das 2017 mit Luther und den Worten „ich würde NPD wählen, ich könnte nicht anders“ für ihr Programm warb. Die rechtsextreme Partei reaktivierte damit die nationalistische Rezeption des Luther-Zitats, das z.B. im Ersten Weltkrieg Soldaten als Durchhalteparole dienen sollte. Den Assoziationen mit deutscher Identität und Kämpfertum, stehen allerdings Verknüpfungen mit Werten wie Zivilcourage oder moralische Integrität entgegen: „Das unerschrockene Wort“ heißt der Preis der Lutherstädte, der Menschen ehrt, die für die Gemeinschaft eintreten; unter dem Titel Hier stehe ich… veröffentlichte Thomas Mayer 2016 30 Lebensbilder von Menschen mit Haltung. Ob es nun als autoritäre oder demokratische Botschaft gelesen wird, das Luther-Zitat wird im Feld der Politik semantisch maximal aufgeladen.

Bei komischen Gebrauchsweisen wird die Formel ihres ideologischen und symbolischen Ballasts entledigt. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ steht etwa auf den Luthersocken, für die mit dem Versprechen „ein Stück Selbstbewusstsein“ zu erwerben geworben wird. Solche Verwendungen sind deshalb witzig, weil sie einer Entweihung des religiös, historisch, kulturell Bedeutsamen gleichkommen. Komik war wohl nicht die primäre Intention der rheinischen Landeskirche, als sie im Reformationsjahr 2017 Kondome mit dem Luther-Spruch verteilte – man sollte manche ikonischen Zitate nicht zu wörtlich nehmen.

"Da Da Da Daaa"

Da Da Da Daaa Da Da Da Daaa Foto: Maura Petersen/Jacob Franke

Es gibt wenige Motive aus der klassischen Musik, die einen so hohen Wiedererkennungswert haben und gleichzeitig so vielseitig gebraucht werden, wie das Anfangsmotiv aus Beethovens 5. Im Zweiten Weltkrieg diente es den Alliierten sogar als Wiedererkennungszeichen untereinander. Das ergab sich zunächst aus ganz pragmatischen Gründen: Die rhythmische Reduktion des Anfangsmotivs 3 mal kurz, 1 mal lang entspricht im Morse-Alphabet dem Buchstaben V, der wiederum für "Victory" steht. Dass man für das Signal aber ausgerechnet auf diese Tonfolge zurückgriff, hat noch ganz andere Gründe. Im da-da-da-daaa waren ideelle Bedeutungen verdichtet: Das Anfangsmotiv verwies auf die gesamte Symphonie und somit auf ihre narrative Struktur, die vom düsteren c-Moll des Beginns zum leuchtenden C-Dur des Finales führt (per aspera ad astra). Es war Selbstermutigung im Kampf gegen die Nationalsozialisten und gleichzeitig Verteidigung einer besseren, eben nicht nur deutschen, sondern europäischen Kultur.

Heute ist die Ikone so gut wie überall präsent. In der Werbung kann sie in Kombination mit Bildern von einsamen (männlichen) Heroen, die sich ihrem Schicksal stellen eine feierliche Botschaft transportieren. Der Soundtrack findet sich freilich auch in der Popkultur, sei es als Sample in Pop, Hiphop oder Rap, in Sitcoms wie den Simpsons oder als Gag in allen möglichen Comedys. Das Motiv wird dann in der Regel als Ikone der klassischen Musik, wenn nicht sogar der ganzen Hochkultur gebraucht. Als einfache Onomatopöie kann Da-da-da-daaa aber noch etwas ganz anderes: Musiktouristen den Weg weisen.

Diese Seite teilen
Die Uni Jena in den sozialen Medien:
Ausgezeichnet studieren:
Zurück zum Seitenanfang